Ein Regal mit Lebensmitteln und Hygieneartikeln mag auf den ersten Blick unscheinbar wirken. In der Beratungsarbeit der Regionalen Jugendagentur Job Central e.V. steht es jedoch für viel mehr: für konkrete Unterstützung in akuten Notlagen – und für eine gesellschaftliche Realität, die längst auch bei uns angekommen ist.
Wenn Zahlen Gesichter bekommen
Armut ist kein abstraktes Thema mehr. Sie zeigt sich täglich in unseren Beratungsgesprächen. Hier begegnen uns Jugendliche, die Verantwortung für ihre Familien übernehmen, Nebenjobs annehmen müssen oder auf Grundlegendes verzichten – oft leise und mit Scham. Wie die vom Statistischen Bundesamt vor wenigen Monaten veröffentlichten Zahlen belegen, ist die Zahl der armutsgefährdeten Kinder in Deutschland seit dem Jahr 2024 nochmals gestiegen: 15,2 Prozent und somit rund 2,2 Millionen Kinder und Jugendliche gelten als armutsgefährdet. Eine direkte soziale und materielle Benachteiligung ist die Folge. Freizeitaktivitäten wie zum Beispiel die Mitgliedschaft in einem Sportverein, ein Kinobesuch mit Freunden oder auch der Ersatz von kaputten Möbeln sind nicht drin.
Einige der jungen Menschen, die wir beraten, leben zudem in unsicheren Wohnverhältnissen – auf dem Sofa von Freunden, in überbelegten Wohnungen ohne Privatsphäre oder mit der ständigen Sorge, ihre Unterkunft zu verlieren. Aus einer aktuellen Hochrechnung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe geht hervor, dass in Deutschland mehr als eine Million Menschen keine Wohnung haben. Circa ein Viertel davon Menschen waren 2024 jünger als 18 Jahre. Das sind 264000 Kinder und Jugendliche! Vor allem Konflikte in der Familie und ein eklatanter Mangel an bezahlbarem Wohnraum tragen dazu bei, dass auch Weinheimer Jugendliche von Wohnungs- oder sogar Obdachlosigkeit real bedroht sind.


Beratung braucht mehr als berufliche Perspektivplanung
Die steigenden Zahlen zu Wohnungsnot und Kinderarmut zeigen, wie herausfordernd die Lebensrealität vieler junger Menschen geworden ist. In solchen Situationen reicht klassische Berufsorientierung allein nicht aus. Wer nicht weiß, wie der nächste Monat finanziell überstanden werden soll, wer hungrig ist oder keine Hygieneartikel hat, kann sich kaum auf Ausbildung, Arbeit oder Zukunftsplanung konzentrieren.
Beratungsarbeit bedeutet für uns deshalb auch, existenzielle Sorgen ernst zu nehmen, zuzuhören, zu stabilisieren, zu begleiten und Netzwerke zu schaffen.
Das Mitnahmeregal: niedrigschwellige Hilfe im Alltag


Dafür steht das neue Mitnahmeregal in unserer Beratungsstelle. Jugendliche können sich dort kostenlos Lebensmittel und Hygieneartikel mitnehmen – anonym und ohne bürokratische Hürden. Die Artikel werden aus den vom Paritätischen Wohlfahrtsverband verwalteten Spendengeldern der Weihnachtsspendenaktion der Rhein-Neckar-Zeitung finanziert. Hierfür bedanken wir uns herzlich!
Das Regal ist kein Ersatz für politische und strukturelle Lösungen. Aber es hilft dort, wo Unterstützung unmittelbar gebraucht wird: Es überbrückt akute Notlagen, entlastet finanziell und nimmt zumindest etwas Druck aus ohnehin belastenden Lebenssituationen.
Quellen:
Statistisches Bundesamt: Zahl armutsgefährdeter Kinder in Deutschland gestiegen | DIE ZEIT (17. November 2025)
Wohnungslosigkeit: Mehr als eine Million Menschen haben keine Wohnung | DIE ZEIT
(17. November 2025)
Insa Bobić